Fokusthema

»Neue Lebensarbeitszeit«

Wir leben immer länger, doch wir realisieren kaum, dass wir tatsächlich mehr Zeit haben. Arbeit bestimmt den Rhythmus unseres Lebens und unsere Berufsbiografie, die in Ausbildung, Arbeit und Ruhestand aufgeteilt ist. In der Mitte dieser »Rush Hour« erledigen wir Kindererziehung, Pflege und Karriere gleichzeitig. Nach dieser Verdichtung folgen dann die ruhigeren letzten Lebensjahrzehnte.

Lebenszeit und Arbeitszeit können neu gestaltet werden (Grafik: Körber-Stiftung)
Lebenszeit und Arbeitszeit können neu gestaltet werden (Grafik: Körber-Stiftung)

Dabei könnte das durchaus anders sein, denn der demografische Wandel erlaubt es, unsere Lebenszeit neu zu gestalten. Mit dem Anstieg unserer Lebenserwartung erhalten wir rechnerisch mehr als fünf Stunden »geschenkter« Lebenszeit pro Tag. Könnten wir mit diesem »Zeitwohlstand« unser Leben nicht ganz anders strukturieren? Immer wieder Neues lernen und uns Zeit für die Familie und das Gemeinwohl nehmen? Oder im Alter länger arbeiten – weil wir es wollen und weil wir gebraucht werden? Wir möchten mit unserer Stiftungsarbeit neue Ideen und Modelle präsentieren, wie Leben, Arbeit und Zeit anders zu verbinden wären, und plädieren für mehr Souveränität im Umgang mit unserer Lebensarbeitszeit.

Welche Möglichkeiten es gibt, Arbeit als Teil unserer Lebenszeit anders als bisher zu bewerten und zu gestalten, wurde im Rahmen des Fokusthemas auf vielfältige Weise aufgezeigt. Als Referenten und Diskussionspartner für den thematischen Bogen von der Sinnschöpfung durch Arbeit über die Frage moderner Karriereplanung und Selbstoptimierung bis hin zum Engagement und zur Absicherung für das Alter konnten wir Autoren wie Doris Knecht und Gerhard Henschel sowie Journalisten, Philosophen und Bildungsforscher gewinnen.

Plakat der Kampagne »Neue Lebensarbeitszeit – Zeit für Engagement« (Foto: Isadora Tast)
Plakat der Kampagne »Neue Lebensarbeitszeit – Zeit für Engagement« (Foto: Isadora Tast)

Über den Zusammenhang von Arbeit, Engagement und (humaner) Bildung sprach der Philosoph und Autor der Edition Körber Julian Nida-Rümelin auf dem Treffen des Arbeitskreises Engagementförderung im Rahmen des Deutschen StiftungsTags 2017 in Osnabrück. Die deutsche Bildungskrise sei nicht nur eine Krise der Institutionen, sondern primär eine Krise der Ideen. Unseren Bildungsreformen, so Nida-Rümelin, fehle die kulturelle Leitidee. »Employability« heiße das Gebot der Stunde, fit machen für den Arbeitsmarkt. Aber eine Bildung, die den Menschen immer nur »fit für« etwas machen will, frage nicht nach seinen Interessen und Talenten. In einer konsequent humanen Bildungspraxis müsse etwa auch bürgerschaftliches Engagement elementarer Bestandteil des lebenslangen Lernens sein.

Karin Haist, Körber-Stiftung, und Julian Nida-Rümelin (Foto: Körber-Stiftung)
Karin Haist, Körber-Stiftung, und Julian Nida-Rümelin (Foto: Körber-Stiftung)

Einer Einladung zum Barcamp »New Work – Neue Lebensarbeitszeit gestalten« folgten rund 150 Unternehmensvertreter ins KörberForum. Zum Programm gehörten Themen wie mobiles Arbeiten, neue Karrierechancen im Alter und flexible Arbeitszeitmodelle.

 

Ebenfalls im KörberForum zählten wir den Schweizer Erziehungsexperten Remo Largo (»Perfekt unperfekt«) sowie den Arbeitspsychologen Max Neufeindt und den Hamburger Unternehmer Frank Breckwoldt (»Wie wir in Zukunft arbeiten werden«) zu unseren Gästen. Eher jüngere Zielgruppen sprachen vier in Frankfurt/Main im September angebotene sogenannte »Wissenskneipen« an, mit Themen wie »Keine Angst vor Arbeit 4.0« oder »Neue Lebensarbeitszeit gestalten statt Faulheit«.

Im Rahmen unseres Fokusthemas wurden von uns verschiedene Formate für unterschiedliche Zielgruppen erprobt. Es gab zwölf öffentliche Veranstaltungen im KörberForum, insgesamt eine Mischung aus Podien, Gesprächen und Theater. Im Haus im Park startete der »Salon Lebensarbeitszeit«, im Literaturhaus Hamburg lief die Reihe »Gebundenes Leben« mit Talk und Lesungen. Und in der Edition Körber erschien das Buch »Wir haben die Zeit« von Christian Schüle.


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