Beiträge für die öffentliche Debatte

Im Ost-West-Verhältnis vollzieht sich derzeit ein massiver Wandel. Das zeigen auch die Ergebnisse unserer repräsentativen Umfrage »Russland in Europa: Kalter Krieg in den Köpfen?«, die Anfang November auf der KörberKonferenz »Russland in Europa« vorgestellt wurden. Die Körber-Stiftung ließ die Befragung in Deutschland, Polen und Russland durchführen. Fazit: Deutsche, Russen und Polen sind uneins über Wege aus der gegenwärtigen Krise.  

 

Während nur knapp die Hälfte der Russen (49 Prozent) findet, Russland gehöre zu Europa, liegen die Werte in Deutschland (56 Prozent) und Polen (57 Prozent) deutlich höher. Als wichtigstes Argument für die Zugehörigkeit wird die geografische Lage genannt, gemeinsame Werte und Kultur scheinen dagegen kaum relevant.
Der Ukraine-Konflikt und die daraus resultierenden Sanktionen sind schuld an der Abkühlung zwischen Russland und der EU – darin sind sich die Befragten in allen Ländern weitgehend einig. Die Frage, wie weiter mit den Wirtschaftssanktionen umzugehen ist, spaltet die drei Länder: Während 58 Prozent der Polen für Beibehalten oder Verschärfen plädieren, wollen 61 Prozent der Russen die Sanktionen lockern oder aufheben. Die Deutschen sind in dieser Frage unentschieden (46 Prozent pro, 45 Prozent contra Sanktionen).

 

Geteilte Meinungen gibt es zu demokratischen Werten. Dass Fremdenfeindlichkeit nicht in die moderne Gesellschaft gehört, findet in Deutschland (86 Prozent) und Russland (83 Prozent) eindeutige Zustimmung, in Polen sagen das 57 Prozent. Den Medien sprechen überraschende 43 Prozent der Deutschen, 53 Prozent der Polen und 76 Prozent der Russen die Rolle zu, ihre jeweiligen nationalen Regierungen zu unterstützen und deren Entscheidungen mitzutragen. Im Vergleich zu einer Befragung aus dem Vorjahr sank in Russland die Zahl derer, die Streiks und Demonstrationen verbieten wollen, um 18 Prozent. Homosexuelle Partnerschaften lehnten 86 Prozent der in Russland Befragten ab, in Polen tat das nahezu jeder Zweite, in Deutschland rund jeder Fünfte.

Zum Berliner Forum Außenpolitik am 5. Dezember präsentierten wir erstmals The Berlin Pulse, eine Publikation mit Beiträgen zahlreicher internationaler Gastautoren zur deutschen Außen- und Sicherheitspolitik. Ebenso enthalten: die Ergebnisse unserer jährlichen repräsentativen Umfrage zu den außen- und sicherheitspolitischen Einstellungen der Deutschen unter dem Titel »Einmischen oder zurückhalten?«.

Die damals gerade gescheiterten Jamaika-Sondierungen würden Deutschlands Rolle in Europa und der Welt schwächen, so eines der aktuellen Ergebnisse der Umfrage. Und ein Dämpfer für die deutsch-französischen Beziehungen: Die Mehrheit hält das Nachbarland für den wichtigsten Partner, lehnt aber Macrons Reformvorschläge ab.

 

Einige Ergebnisse im Detail: 52 Prozent sprechen sich dafür aus, dass Deutschland in internationalen Krisen weiterhin eher zurückhaltend agiert, 43 Prozent befürworten ein stärkeres Eingreifen. Wichtigstes Ziel des deutschen Engagements in der Welt ist für 71 Prozent die Sicherheit Deutschlands und seiner Verbündeten sowie die Terrorismusbekämpfung. Mit 26 Prozent werden Flüchtlinge als größte Herausforderung für die deutsche Außenpolitik gesehen. Die Gestaltung der Beziehungen zu den USA unter Trump (19 Prozent) und zur Türkei unter Erdogan (17 Prozent) folgen auf Platz zwei und drei.

 

Europas Entwicklung wird eher kritisch bewertet: 59 Prozent der Befragten meinen, dass die EU nicht auf dem richtigen Weg ist, um die aktuellen Herausforderungen zu bewältigen. Mögliche Auswirkungen des Brexit sehen die Deutschen dagegen gelassen: Zwar erklären 39 Prozent, der Austritt Großbritanniens werde der EU eher schaden, mit 37 Prozent finden aber fast genauso viele, er werde keine großen Auswirkungen haben.
Dem gebremsten deutschen Krisen-Engagement hält die ehemalige US-Außenministerin Condoleezza Rice im Berlin Pulse entgegen: »Eine lebendige Demokratie und starke Wirtschaftsnation wie Deutschland muss sich international aktiv einbringen.« Der britische Historiker Timothy Garton Ash wählt an gleicher Stelle eine Metapher für Deutschlands Rolle in der EU: In einer europäischen Fußballmannschaft wäre Deutschland zwar nicht der Kapitän. Es gebe aber immer zentrale Spieler, die das Team zusammenhalten und die Richtung vorgeben. Deutschland wäre so etwas wie ein Beckenbauer des »Global Europe«.

 Während die Geschichtspolitik wieder zu einem wirksamen Instrument in den internationalen Beziehungen geworden ist, gerät die historische Aufklärung im Geschichtsunterricht an deutschen Schulen durch die Reduzierung des Stundenumfangs oder durch fachfremden Unterricht unter Druck. Eine von uns zu dieser Entwicklung durchgeführte repräsentative Umfrage unter 1.009 Bundesbürgern ab 14 Jahren sowie 502 Schülerinnen und Schüler offenbarte auch Mängel des derzeitigen Geschichtswissens: So können vier von zehn Schülern nicht sagen, wofür der Name »Auschwitz-Birkenau« steht. Umso dringender scheint die wichtigste Forderung der Umfrage: 95 Prozent der Deutschen finden es sehr wichtig oder wichtig, dass Schüler in der Schule Geschichtsunterricht haben. Die meisten wünschen sich einen Unterricht, der dazu befähigt, Inhalte kritisch zu hinterfragen (93 Prozent) und Lehren für die Gegenwart ziehen zu können (92 Prozent).

 

Trotz der offenkundigen Defizite der historischen Bildung geben mehr als die Hälfte der befragten Schülerinnen und Schüler (56 Prozent) an, sich selbst sehr oder eher für Geschichte zu interessieren. Auch die Qualität des eigenen Geschichtsunterrichts schätzen die befragten Schülerinnen und Schüler als gut ein. Drei Viertel der Schülerinnen und Schüler (75 Prozent) meinen, dass die Inhalte in ihrem Unterricht anschaulich und nachvollziehbar dargestellt werden. Jeweils zwei Drittel der befragten Jugendlichen sagen, dass in ihrem Unterricht interessante und vielfältige Themen bearbeitet werden (69 Prozent) und dass ihr Geschichtslehrer bei ihnen Interesse für die behandelten Themen wecken konnte (66 Prozent). Auffällig ist, dass Schüler den Geschichtsunterricht besser bewerten als Schülerinnen.


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